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05.05.2006 Heute erhielten wir wieder eine neue eMail von Damaris Frick, die wir Ihnen hier gerne zu lesen geben wollen:
Hallo Welt!
Seit fast 2 Monaten bin ich jetzt in Pakistan und es ist nur noch eine gute Woche, bis ich auch wieder zurück nach England fliege. Es ist so eine Sache mit der Zeit, einerseits rast sie total schnell vorbei, auf der anderen Seite passieren Dinge in einem Land wie Pakistan einfach auch sehr sehr langsam. Einer unserer pakistanischen Partner hat mal gesagt, dass man einen Tag hier als erfolgreich betrachten kann, wenn man eine Sache geschafft hat. Für etwas ungeduldige Menschen wie mich ist das schon eine Herausforderung.
Es ist schwer, die Eindrücke der vergangenen Wochen in Worte zu fassen. Kein Bericht in irgendwelchen Medien wird dem Gefühl gerecht, auf dem Trümmerhaufen einer Stadt oder eines Dorfes zu stehen. Das Erdbeben ist fast 7 Monate her, aber es sieht noch immer verheerend aus, zwischen den Trümmern eines Hauses liegen noch eine Zahnbürste oder ein Schuh und wo eine schule stand liegen noch immer ein paar Hefte. 75 000 Menschen sind hier gestorben und noch viel mehr haben ihr Zuhause verloren, das sind Zahlen, die man sich überhaupt nicht vorstellen kann.
Aber es sind die kleinen Geschichten von einzelnen Menschen und die persönlichen Begegnungen, die mich berührt haben. Die Geschichte von einer 26jährigen Frau, die seit 6 Jahren verheiratet is t und ein kleines Mädchen von 2 Jahren hatte. Nach 6 Ehejahren nur ein Kind, das ist in einem Dorf, wie in dem ihren schon schlimm genug. Als das Haus über ihr zusammenbrach, wurde ihr kleines Mädchen unter den Trümmern begraben. Neben ihrem Zelt ist nun ein kleines Grab.
Eine andere Frau traf ich am Rande eines Trümmerfeldes. Ein Stück des Berges ist weggebrochen und hat die Hälfte des Dorfes ins Tal gerissen, die andere Hälfte ist nur noch Geröll. Gemeinsam mit anderen Menschen kommt sie immer wieder hierher, noch immer auf der Suche nach Angehörigen, viele Körper konnten auch nach Monaten noch nicht geborgen werden.
Oder die Geschichte des kleinen Jungen, der seit dem Erdbeben nicht mehr läuft, obwohl er dazu in der Lage wäre. Er robbt über den Boden und weigert sich aufzustehen. Er ist in Panik, dass die Erde wieder anfängt, sich zu bewegen.
Ich wurde in Zelte und Hütten eingeladen und jedes Mal wurde ich mit Freundlichkeit, Tee und vielem mehr beschenkt. Eine Frau in einer Hütte schenkte mir ein Tuch und inmitten der Trümmer bügelte sie es sogar noch auf einem kleinen Hocker, weil es verknittert war. Kleine Mädchen schenkten mir selbstgebastelten Schmuck und von den Kindern eines Dorfes wurde ich mit Blumen begrüßt. Das berührt schon das Herz.
Ees gibt nach wie vor viel zu tun. Die Phase der unmittelbaren Hilfe, wo es um das nackte Überleben ging (medizinische Hilfe, Nahrung, Wasser und Sanitäranlagen, Unterkünfte) ist erst einmal abgeschlossen. Die Menschen aus den Lagern werden ermutigt, wieder an ihre Herkunftsorte zurückzugehen. Jetzt geht es um die Rückkehr in die Normalität, um Wiederaufbau und um Neuanfang.
Uns war hierbei wichtig, dass alle Arbeit in guter Absprache mit anderen Organisationen passiert. Bei einer Katastrophe von diesen Ausmaßen sind natürlich auch jede Menge Helfer aus allen möglichen Ländern, Glaubensrichtungen, Hintergründen und Spezialisten in den einzelnen Bereichen vor Ort. Um die Arbeit und Hilfe so effizient wie möglich zu gestalten, gibt es jede Menge Arbeitsgruppen z.B. zum Thema Bildung, zum Thema Gesundheit, etc. Es braucht ganz schön Zeit, an allen relevanten Treffen teilzunehmen, aber letztendlich muss es eine Koordination geben, sonst hat am Ende ein Dorf 2 schulen und ein anderes gar keine und eine Familie zwei Zelte und eine andere hat kein Dach über dem Kopf.
Gemeinsam mit 4 verschiedenen pakistanischen Organisationen wird die Heilsarmee 4 Projekte durchführen, zweimal ist das der Aufbau einer Schule, mehrmals im Bereich von Schulungszentren für Frauen und in 40 Dörfern ist ein Unterstützungs-Projekt im Bereich Landwirtschaft, Viehhaltung, Training geplant. Dafür waren Konzeptionen zu schreiben, Experten zu treffen, Pläne zu zeichnen und vieles mehr. Vor allem aber Gespräche mit den Betroffenen zu führen, denn diese sind keine hilflosen Opfer sondern Menschen mit Würde, mit Ressourcen und mit eigenen Wünschen und Vorstellungen, was die Zukunft angeht. Alle unsere Projekte sind jederzeit auch in anderen Dörfern noch durchzuführen. Das hängt einfach ein bisschen von den finanziellen Möglichkeiten der Heilsarmee ab (wer übrigens gerne für die Katastrophenhilfe in Pakistan spenden möchte kann das tun:
- Heilsarmee Deutschland
- Konto: 40 777 00
- Bank für Sozialwirtschaft in Köln
- BLZ: 370 205 00
- Vermerk: Katastrophenhilfe, Pakistan)
Morgen kommt das neue Team und bald ist meine Zeit hier zu Ende. Auch wenn mich vieles traurig gemacht hat, auch wenn manches nicht ganz so schnell ging, wie ich es mir gewünscht hätte, ich hatte eine unvergessliche Zeit hier und ich sehe es nach wie vor als Privileg an, dass ich hier arbeiten durfte.
Pakistan ist ein wunderschönes Land. Hier im Norden sieht man immer die schneebedeckten Gipfel der Berge, es ist wirklich atemberaubend. Aber noch schöner als die Landschaft sind die Menschen hier. Wir Bewohner Europas können hier echt vieles lernen an Gastfreundlichkeit, Mut und Dankbarkeit. ich bin hierhergekommen, um den Menschen etwas zu geben, aber ich glaube, ich habe noch viel mehr bekommen.
Damaris Frick
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