Nervenkrieg

Ost-Division   Die Heilsarmee in Berlin und den Neuen Bundesländern

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Freie Presse vom 5.12.2006

Den Nervenkrieg vor Gericht gewinnt der Leierkastenmann

Richterin stellt Strafverfahren ein - Heilsarmee bekommt 2000 Euro

von Mario Ulbrich (mit freundlicher Genehmigung der Redaktion)

 

Chemnitz. Gestern Morgen vor dem Amtsgericht Chemnitz: Der Leierkastenmann kennt keine Gnade. Er steht auf dem Fußweg gegenüber und dreht unermüdlich die Kurbel. Seine Melodien sind im Gerichtsaal zu hören.

Die Heilsarmee sammelt fürs Fest. Hier einen Euro, da ein paar Cent. Dass bald ein paar Tausender hinzukommen werden, ahnt der eifrige Leierkastenmann nicht. Oben im Saal stehen zwei Geschäftsleute vor Gericht. Frank und Thoralf B., Vater und Sohn. Der eine war früher Geschäftsführer der Erzgebirgischen Krankenhaus- und Hospitalgesellschaft in Schwarzenberg, der andere ist es heute. Die Staatsanwaltschaft hat sie wegen Untreue angeklagt. Vor fünf Jahren sollen sie zu überhöhten Preisen Serviceleistungen an eine Firma vergeben haben, die in Familienbesitz war.

Dreieinhalb Stunden dauert die Verhandlung, zwei Pausen inklusive. Nur der Leierkastenmann macht niemals Pause. Er kurbelt, während die Angeklagten jeden Vorwurf entkräften. Ob Zeugenbefragungen einen Beweis ihrer Schuld bringen? Richterin Gudrun Trautmann glaubt nicht recht daran und schlägt vor, das Verfahren einzustellen - sofern die Beschuldigten 12.000 Euro an gemeinnützige Vereine zahlen.

Ihr fällt da gleich die Heilsarmee ein, die sich so klangvoll in Erinnerung gebracht hat. Sie soll 2000 Euro kriegen. Stephan Barthel, Leutnant der Heilsarmee, ist baff: "Gerade hat sich jemand vom Gericht über das Geleiere beschwert. Aber es hat ja offenbar etwas gebracht."

Über Weihnachten will die Heilsarmee in Chemnitz ein Fest für mehr als 300 Bedürftige ausrichten. 2000 Euro extra kämen gerade recht. Thoralf B., der froh ist, dass der Nervenkrieg vor Gericht ein Ende hat: "Wenn ich die Unterlagen rechtzeitig bekomme, überweise ich schnell. Vielleicht haben sie das Geld noch vor Weihnachten auf dem Konto."